Nachlese zum TSTVÖ Special of the Year 26.10.2025

Nachlese zum TSTVÖ Special of the Year 26.10.2025

Im Rahmen des TSTVÖ Special of the Year am 26.10.2025 in Wien standen drei hochkarätige ReferentInnen im Mittelpunkt, die sich aus unterschiedlichen Perspektiven mit dem Thema Körperbewusstsein im Tanz auseinandersetzten: Franco Formica präsentierte sein Bodyflow-Prinzip, Lasse Odegaard stellte sein Inner-body-art-Konzept vor, und Irene Hanke beleuchtete die Bedeutung eines reflektierten Gender-Verständnisses im Zusammenhang mit Safe Sport.

Franco Formica – Bodyflow: Bewegung von innen heraus

Francos Bodyflow-Prinzip richtet den Fokus auf das innere Erleben von Bewegung. Während in der Tanzwelt zunehmend Form und äußere Erscheinung in den Vordergrund rücken, stellt das Bodyflow-Konzept auf Individualität ab, die individuelle Bewegung von innen heraus entstehen lässt.

Die drei Elemente von Bodyflow

  1. Zusammenwirken von Körper und Schwerkraft: Der Körper steht in ständiger Interaktion mit der Schwerkraft. Dieses Gefühl von „Gravity“ ermöglicht es, den Boden bewusst zu spüren und ihn aktiv in die Bewegung einzubeziehen. Es entsteht eine Balance zwischen benutztem Gewicht und verstärktem Gewicht – ein Prinzip, das als „Settling“ bezeichnet wird. Dabei geht es um das bewusste Einsetzen des eigenen Gewichts, um Kraft zu verstärken, ohne in Spannung oder Steifheit zu verfallen – etwas, das TrainerInnen oft beobachten, wenn über Kraft im Tanzen gesprochen wird.

  2. Das Center: Das Center als der etwa handbreite Bereich unterhalb des Bauchnabels nimmt die vom Boden über die Beine kommende Kraft auf. Gleichzeitig verlängert sich die Lendenwirbelsäule, und die gesamte Wirbelsäule richtet sich mit einer leichten Vorwärtsaktivität auf. Schultern und Schulterblätter bleiben frei und entspannt, sodass keine Spannung nach oben entsteht.

  3. Der Kommunikator: Damit ist der Bereich des Brustbeins im Übergang zu den Schlüsselbeinen gemeint. Hier entsteht die Verbindung zwischen der Kraft, die aus dem Boden über die Beine und das Center nach oben kommt, und der äußeren Präsenz des Körpers. Selbst im Stehen bleibt diese Energie spürbar – Tanzende stehen nicht einfach still, sie sind im Klang und in der Schwingung der Musik immer in Bewegung.

Alle drei Elemente sind durch die sogenannten „Inner Tracks“ verbunden – imaginäre Linien, die vom Nacken über die Sitzbeinhöcker bis zu den Füßen verlaufen. Sie schaffen das Gefühl, sich als Ganzes zu bewegen. Wenn Sitzbeinhöcker und Nacken gleichzeitig aktiv sind, wird die gesamte Wirbelsäule in die Bewegung integriert – und der Tanz bekommt Kraft, Fluss und innere Geschlossenheit.

Neben den drei Elementen des Bodyflow umfasst Francos Konzept auch drei Pfeiler der Bewegung:

  1. Gewichtsverlagerung: Bewegung entsteht durch den Übergang des Gewichts von einem Fuß auf den anderen. Wichtig ist, diese Verlagerung zu vollenden – erst wenn das Körpergewicht wirklich auf einem Fuß angekommen ist, kann daraus neue Bewegung entstehen.

  2. Balance: Sie muss aktiv hergestellt werden durch die bewusste Bündelung und Umlenkung der Kraft aus dem Boden. Sie verlangt innere Kontrolle über die dynamischen Gewichtsverlagerungen. Ziel ist, so viel Zeit wie möglich auf dem Fuß zu verbringen, bis der nächste Schritt gesetzt wird.

  3. Projektion: Bevor eine Bewegung tatsächlich ausgeführt wird, zeigt der Körper bereits ihre Richtung an – so wie ein Klang vor dem Taktschlag. Projektion bedeutet, den Weg zum Taktschlag zu tanzen, nicht erst ab dem Taktschlag. Dadurch erhält die Bewegung musikalische Tiefe und Ausdruck, wird runder und kontinuierlicher.

Musikalität als gelebte Bewegung

In der Bewegung geht es darum, die Dauer des Klangs der Musik bewusst zu nutzen und in körperlichen Ausdruck zu übersetzen. Jeder Moment eines Tons – vom Entstehen bis zum Verklingen – kann tänzerisch gestaltet werden. Das bedeutet, nicht nur auf den Rhythmus oder den Schlag zu reagieren, sondern die ganze Klangentwicklung zu vertanzen: den Preparing Sound (das Ansetzen der Bewegung/Projektion), den Shifting Sound (das Entfalten der Bewegung im Fluss des Klangs) und den Fading-out Sound (das Nachschwingen und Loslassen).

Es ist zu beobachten, dass TänzerInnen oft nicht wirklich auf die Musik tanzen, weil sie zu sehr mit der äußeren Form oder der Darstellung eines tänzerischen Endprodukts beschäftigt sind. Doch Tanz entsteht im Prozess – im Hören, im Verbinden von Bewegung und Klang, und in der bewussten Gestaltung der musikalischen Zeit. Wenn Bewegung und Musik denselben Atem teilen, wird der Tanz lebendig und authentisch.

Lasse Odegaard – Body and Mind: Creating Awareness

Lasse Odegaard stellte die Verbindung von Körper und Bewusstsein in den Mittelpunkt. Hier einige erhellende Streiflichter aus seinem unverwechselbaren Vortrag:

  • Awareness braucht Zeit – sie ist kein Gedanke, sondern ein körperlich erarbeitetes Gefühl. Viele TänzerInnen denken, dass sie fühlen, verlieren jedoch durch übermäßige Anspannung den Kontakt zu sich selbst, zum Partner/zur Partnerin und zur Musik.

  • Es gibt einen deutlichen Unterschied zwischen „extend“ und „stretch“: Extend steht für eine natürliche, kontrollierte Ausdehnung aus der Basis heraus. Stretch hingegen kann bei Überdehnung zu Blockaden führen. Nur durch bewusstes Extend-Arbeiten bleibt Bewegung organisch und frei.

  • Wie auch im Lateintanz beginnt die Bewegung bei den Füßen. Der Bereich von den Füßen bis zum zehnten Brustwirbel (T10) ist die Basis, die das stabile Fundament jeder Bewegung im Standardtanz bildet. Dabei ist entscheidend, dass jede/r Tänzer/in das eigene Körpergewicht trägt. Dies fördert nicht nur die Stabilität und den Bewegungsfluss, sondern auch die Eigenverantwortung, Balance und Unabhängigkeit innerhalb des Paares im Tanz.

  • Sehr ausführlich ging Lasse auf die optimale Verbindung von Schwerkraft und Sprungkraft ein, um Stabilität und Leichtigkeit zu vereinen, die vor allem in Tänzen wie dem Quickstep von besonderer Bedeutung ist.

  • Nicht zu unterschätzen ist auch das Kopfgewicht – insbesondere der Dame. Es sollte „nach unten“ und nicht „nach hinten“ getragen werden, um Haltung, Balance und Paarharmonie zu sichern.

  • Eine besondere Bedeutung hat neben dem zehnten Brustwirbel die achte Rippe, die als innerer Taktgeber gilt – sie trägt den Rhythmus der Musik in jedem Tanz. Über sie wird der musikalische Puls in den Körper integriert und weitergegeben.

  • Die Arme sollten vollkommen frei sein und sich natürlich aus der Wirbelsäule heraus verlängern. Sie sollten nicht durch Muskelkraft gehalten, sondern durch Verbindung und Energiefluss im Körper getragen und aktiviert werden.

  • Lead & Follow im Paartanz bedeutet, dass beide Tanzenden Verantwortung für das gemeinsame Ergebnis tragen. Führung und Folgen sind keine Gegensätze, sondern zwei aktive Rollen, die sich gegenseitig ergänzen und das „gemeinsame Produkt“ entstehen lassen.

  • „Your knees are your ears.“ – Die Knie hören mit. Sie nehmen die Verbindung zum Boden, zur Musik und zum Partner/zur Partnerin wahr, reagieren auf Impulse und leiten Bewegung weiter. So wird der gesamte Körper zu einem hörenden, reagierenden Instrument der Musik.

Irene Hanke – Diversität, Gender und Safe Sport

Als Gender- und Diversity-Beauftragte des ÖTSV ging Irene zunächst auf das Verständnis von Gender als soziales Geschlecht ein. Es sei wichtig, die gesellschaftlich geprägten Erwartungen und Zuschreibungen zu reflektieren, die insbesondere Tänzerinnen betreffen.

Trainerinnen und Trainer sollten Damen in ihrer Rolle ernst nehmen, sie aktiv einbeziehen und ihnen Verantwortung übertragen. Nur so entsteht ein gleichberechtigtes Miteinander im Tanzpaar. Dabei ist es wichtig, den weiblichen Part nicht nur als „ergänzend“ zu sehen, sondern seine Bedeutung und Eigenständigkeit im Paar deutlich hervorzuheben.

Ein erklärtes Ziel sollte sein, dass Tanzsportlerinnen auch über ihre aktive Karriere hinaus dem Tanzsport erhalten bleiben – etwa als Trainerinnen, Coaches oder Funktionärinnen. Derzeit gehen viele wertvolle Erfahrungen verloren, weil talentierte Tänzerinnen diesen Schritt nicht machen.

Gleichzeitig stehen Damen im Tanzsport häufig unter starkem Erwartungsdruck: Sie sollen technisch hervorragend, beweglich, aber auch stets äußerlich „perfekt“ sein – mit Fokus auf Frisur, Schminke und Erscheinungsbild. Diese einseitigen Erwartungen können belastend sein und das eigentliche sportliche Selbstverständnis überlagern.

Im Sinne von Safe Sport bedeutet Tanzsport, eine Umgebung zu schaffen, in der sich alle Beteiligten sicher, respektiert und frei entfalten können – unabhängig von Geschlecht, Alter oder Rolle im Paar. Dazu gehört der Schutz vor jeglicher Form von Belästigung, verbaler Gewalt, Grenzverletzungen, Übergriffen oder sexualisierter Gewalt. Auch Mobbing, die Missachtung von Regeln sowie das Unterdrücken von Eigenverantwortung oder Selbstständigkeit innerhalb des Paares widersprechen diesem Prinzip.

Ein sicherer Sportraum zeichnet sich durch achtsamen, altersgemäßen Umgang, respektvolle Kommunikation und angemessenes Verhalten, Gestik und Kleidung aus. Ziel ist ein Tanzumfeld, in dem Vertrauen, gegenseitiger Respekt und persönliche Entwicklung im Vordergrund stehen – damit alle Sportlerinnen und Sportler ihre Potenziale entfalten und langfristig mit Freude im Tanzsport aktiv bleiben können.

Veröffentlicht am 07. Oktober 2025 in News & Events

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